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WIRTSCHAFTSMEDIATION

„Jeder Konflikt ist lösbar"

Konflikte zwischen Unternehmen sind nicht nur nervenaufreibend, sondern verursachen auch hohe Kosten. Zwei Wirtschaftsmediatoren erklären, wie sie mit Streitpartnern Lösungswege finden.

Was macht ein Wirtschaftsmediator: Kann man ihn salopp als einen Streitschlichter bezeichnen?
HORST GAMPERL: Grundsätzlich stimmt das. Wir Wirtschaftsmediatoren sehen uns als Konfliktlöser, die in außergerichtlichen Verfahren Streitparteien wieder zum Verhandlungstisch und zum Dialog bringen wollen. Wirtschaftsmediation ist also ein konkretes Hilfsangebot an Unternehmen. Sowohl bei externen Konflikten mit anderen Unternehmen, als auch intern – beispielsweise in Teams oder zwischen Vorgesetzten und Arbeitnehmern. Spezialgebiete der Wirtschaftsmediation sind beispielsweise die Lehrlingsmediation sowie Firmenübergaben.

Sie haben in puncto Mediation Ihren Schwerpunkt auf dem Gebiet der Logistik: Besteht auf diesem ein besonders großer Bedarf an Konfliktlösungen? GAMPERL: Ich bin gelernter Logistiker und bringe folglich einiges an Fach- und Insiderwissen mit. Vor allem in der Kontraktlogistik gibt es regelmäßig Problemstellen zwischen Unternehmen. Da werden Verträge über gegenseitige Leistungen geschlossen, bei denen sich in der Praxis herausstellt, dass sie im operativen Betrieb so nicht realisierbar sind. Beim Abwickeln und Steuern der Material-und Informationsflüsse gibt es jede Menge Spielräume für Inter-pretationen und somit Potenzial für Konflikte. Da geht es um Warenmengen, um nicht klar definierte Leistungen etc. – man könnte sagen, um unterschiedliche Sichtweisen über das Was, Wie viel, Wie, Wann, Wo. Eskalieren diese Differenzen, dann stehen manchmal langjährige Kundenbeziehungen auf dem Spiel. Das Ziel des Wirtschaftmediators ist, hier wieder eine Gesprächsbasis herzustellen. Denn so ein Konflikt kann wirklich ins Geld und an die Ressourcen gehen. Und geht es dann auch vor Gericht, dann steigen die Kosten noch einmal exorbitant.

Worauf basiert eine Wirtschaftsmediation?
MARGOT TSCHANK: Beispielsweise auf dem wichtigen Prinzip, dass sie freiwillig sein soll. Sprich, alles was in ihrem Rahmen passiert, kann zwischen den Konfliktpartnern ausgemacht werden. Zum Unterschied zu einem Ge-richt oder Schiedsgericht: Dort wird immer eine Entscheidung ge-troffen, mit der dann manchmal beide Partner nicht glücklich sind.

Könnte man sagen, dass der Medlator zwischen den Konfliktpartnern einen wirklichen Konsens herstellen möchte und keinen – faulen – Kompromiss?
TSCHANK: Genau. Wir bespre-chen in einer Art Pendelmediation zuerst getrennt mit beiden Streit-partnern den Konflikt und hören uns ihre Sichtweisen an. Getrennt, weil am Höhepunkt einer Streitsi-tuation der eine dem anderen ja gar nicht mehr zuhört. Wir ma-chen Probleme und deren Ursa-chen bewusst. Man muss vom Richtig-falsch- bzw. Gut-böse-Denken wegführen und bei beiden Parteien eine neue Perspektive öffnen. In dem Sinne, dass sie sa-gen: So habe ich das Problem noch nie betrachtet.

Wie gehen Sie bei einer Mediation vor?
GAMPERL: Mediation hat mehrere Stufen, die unterschiedlich angewendet werden. Zuerst kommt die Analyse, bei der die Konfliktparteien Wünsche und Bedürfnisse for-mulieren. Dann die Konfrontation, bei der man sich mit den Vorstellungen des jeweils anderen auseinandersetzt. Zuletzt sucht man Lösungswege, die man in einer Vereinbarung auch niederschreiben kann. Für die Kontraktlogistik heißt das, dass die Parteien den Vertrag so adaptieren, dass er für beide realisierbar ist. Hier kommt es sehr auf das Fingerspitzengefühl des Mediators an.

Wie hoch ist die Erfolgsquote?
TSCHANK: Wir rechnen lieber in gesparten Konfliktkosten, die kann man recht genau bewerten.

Studien zeigen, dass durch Konflikte den Unternehmen an die 15 Prozent ihrer Personalressourcen verlorengehen. Bei Führungskräften sind es bis zu 40 Prozent ihrer Ressourcen. Das kann man in Personalkosten umrechnen. Löst man den Konflikt, dann sieht man, was man dem Unternehmen an Kosten gespart hat. Deshalb möchte ich noch betonen: Unternehmen optimieren Kostenarten wie Personal, Produktion, Vertrieb etc. Konfliktkosten sind für viele aber noch immer ein weißer Fleck. Deshalb sehen wir hier große Sparpotenziale, da diese Kosten bis dato selten bewertet wurden.

Gibt es auch nahezu unlösbare Konflikte?
GAMPERL: Grundsätzlich lautet mein Motto: Jeder Konflikt ist lös-bar! Aber wenn die obersten Prinzipien einer Wirtschaftsmediation, die Freiwilligkeit und das Wollen der Streitpartner, nicht gegeben sind, dann wird es sehr schwierig. Denn man kann und sollte eine Wirtschaftsmediation nicht befehlen oder verordnen.

Was ist Ihr Credo im Beruf?
GAMPERL: Ich möchte Unterneh-men zeigen, dass Konflikte nicht nur lästig sind, sondern sie viel Geld kosten. Ein Konfliktpotenzial gibt es in jeder Beziehung, aber man muss lernen und verstehen, wie man damit umgeht.

Christian Kössler
Kleine Zeitung, 2. Oktober 2017